Energie: Unabhängig werden von Russland

Hannes Loacker
Veröffentlicht vor 2 Monaten 8 Likes 6 min. Lesezeit
Nachhaltigkeit

Die Energieversorgung Europas ist angesichts der dramatischen Bilder aus der Ukraine, die wir täglich sehen, ein Nebenschauplatz. Doch für die wirtschaftliche Entwicklung ist sie von zentraler Bedeutung. Welche Möglichkeiten gibt es nun, sich der Energie-Abhängigkeit von Russland zu entziehen? Einige Ideen.

Verbrauch Erdöl – Erdgas

Vorerst eine Bestandsaufnahme: In Europa macht Erdöl einen sehr hohen Anteil am gesamten Primärenergieverbrauch aus; rund 40 % Erdölverbrauch sind es in Italien, Deutschland sowie Österreich.

Wieviel Erdöl und Erdgas wird in Europa verbraucht

Der Anteil von Erdgas am gesamten Primärenergieverbrauch wiederum macht in Italien sogar noch etwas mehr, gut 40 %, aus. In Deutschland werden 26 % der Energie mit Erdgas erzeugt, in Österreich 22,5 %.

Wie sieht es mit den Gas-Lagerbeständen aus?

Die Erdgas-Lagerbestände sind in der EU ca. zu etwa 26 % gefüllt.
• Italien: 35 %
• Deutschland: bei 25 %
• Österreich: nur 14,5 %
(Quelle: GIE AGSI+, Stand 09.03.2022)

Hängen wir puncto Stromversorgung auch von Russland ab?

Österreich kann rund 70 % des Strombedarfs mit Wasserkraft abdecken. Dennoch hängt der Strompreis auch am Gaspreis. In der EU werden rund 30 % des gesamten, verbrauchten bzw. konsumierten Gases dazu benutzt, um Strom zu produzieren. Also spielt Russland durchaus auch in der europäischen Stromversorgung eine Rolle und hat Auswirkungen auf den Strompreis.

Hilft die derzeitige, zusätzliche Freigabe von Öl?

Erdöl zu sehen

In einigen Staaten wird Öl aus den strategischen Reserven freigegeben, um einem möglichen Engpass entgegenzuwirken. Dies ist jedoch nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Die USA gibt derzeit ungefähr 30 Millionen Barrel frei. Es besteht jedoch eine tägliche Nachfrage von 100 Millionen Barrel am Tag weltweit.

Exportstopp von Russland?

Zwei Szenarien könnten am Gasmarkt auf uns zukommen:

  1. Es kommt zu einem Exportstopp seitens Russland oder
  2. zu einem Importstopp seitens der EU.

In beiden Fällen müsste man den Gas-Konsum aus vorhandenen Gasspeichern bestreiten. Mit diesen Speichern könnten wir in Österreich ca. bis Mitte April ein Auslangen finden. Der Vorteil ist, dass man zu diesem Zeitpunkt Wohn- und Büroräume nicht mehr beheizen müsste – die Industrie benötigt jedoch relativ konstant über das Jahr hindurch große Mengen an Erdgas. Hier könnte es für Wirtschaft und Industrie herausfordernd werden.

Wie sind die Erwartungen puncto Preisentwicklung und Inflation?

Engpässe puncto Öl und Gas

Der Ölpreis der Sorte Brent ist seit Jahresbeginn um 43 % gestiegen, der Gaspreis in Europa hat sich sogar verdoppelt (Quelle: Bloomberg, Stand 11.3.2022). Diese beiden Faktoren gehen an der Inflation nicht spurlos vorüber. Daher müssen wir in den nächsten Wochen voraussichtlich mit einem Anstieg der Inflation rechnen. Lies dazu auch: Kaufkraftverlust – was tun?.

Angesichts der oben erwähnten Lieferengpässe könnte das Inflations-Thema Bedeutung verlieren. Denn wenn es zu einem Einbruch des Wirtschaftswachstums kommen sollte, würde die Inflation eine untergeordnetere Rolle spielen. Das fehlende Wirtschaftswachstum würde viel stärker wiegen.

Wie können wir energieunabhängiger werden von Russland?

In Norwegen gibt es einen großen Öl- und Gaskonzern, der als verlässlicher Partner bekannt ist und auch etwas größere Mengen nach Europa liefern könnte. Aus Algerien (über Spanien und Portugal) sowie den USA könnten zusätzliche Mengen an Flüssiggas nach Europa transportiert werden.

Mit den vorhandenen Alternativen, wie z. B. den Flüssiggas-Terminals in Europa, sollten die Gasspeicher über den Sommer wieder teilweise aufgefüllt werden können. Dennoch bleibt das Ziel der EU, sich unabhängiger von den Gaslieferungen aus Russland zu machen, eine große Herausforderung.

Wie sieht es mit der Atomkraft aus?

Atomkraftwerk zu sehen

Das Europa von heute hat nichts mehr mit dem Europa von vor ein paar Wochen zu tun. Wenn man sich unabhängig vom russischen Gas machen möchte, ist es derzeit wohl zumindest nachvollziehbar, wenn ein Land, das über Atomkraftwerke und Kohlekraftwerke verfügt, eine Laufzeitenverlängerung ihrer bestehenden Kraftwerke andenkt – noch dazu nachdem moderne Atomkraftwerke erst kürzlich von der EU im Rahmen der EU-Taxonomy als nachhaltig eingestuft wurden. In diesem Fall würde Atomkraft interimistisch als Übergangstechnologie genutzt werden.

Dennoch lehnen wir als Raiffeisen KAG Atomkraft ab (lies dazu auch hier: Atomkraft – nein danke). Das Atomkraftproblem liegt in der Endlagerung, da hier ein bestehendes Problem nur auf zukünftige Generationen geschoben wird. Zudem gehen, wie man auch gerade jetzt am Krieg in der Ukraine sieht, sehr viel Gefahren von Atomkraftwerken aus. Das größte Atomkraftwerk Europas befindet sich im Südosten der Ukraine: Saporischschja. Es ist ein relativ altes Kraftwerk, bestehend aus sechs Reaktoren, und es könnte laut Experten einem Beschuss mit schweren Waffen nicht standhalten. Auch die Internationale Atomenergiebehörde hat dahingehend bereits Besorgnis geäußert.

Booster für alternative Energien

Das Thema alternative Energien bekommt durch die aktuelle Lage enormen Aufwind. Einige Regierungen haben bereits konkrete Maßnahmen angekündigt. Deutschland möchte bis 2035 auf 100 % Ökostrom umgestellt haben, ursprünglich war es Ziel, dies erst vor 2050 erreichen zu wollen. Somit wird in den nächsten Jahren massiv in den Ausbau der Kapazitäten von Wind und Solar investiert werden, ein Wachstum dieser Unternehmen ist vorprogrammiert.

Beim Investieren in diese Unternehmen muss darauf geachtet werden, dass diese auch ein zufriedenstellendes Margenniveau sowie Gewinnsteigerungen erzielen können. Nachdem das Umfeld in einigen dieser Branchen von einem sehr starken Wettbewerb geprägt ist, müssen hier sehr umsichtig Aktien ausgewählt werden. Insgesamt ist das nun erkennbare Umdenken hinsichtlich des Ausbaus der Erneuerbaren Energien eine positive Begleiterscheinung, auch wenn diese aufgrund der derzeitigen menschlichen Tragödie in der Ukraine verständlicherweise nur eine Nebenrolle spielt.

Windräuder am Feld zu sehen - Ökostrom boomt

Adaptionen im Raiffeisen-SmartEnergy-ESG-Aktien

Im Raiffeisen-SmartEnergy-ESG-Aktien wurden im letzten Jahr sowie auch im Jänner dieses Jahres die Positionen von Wind-Produzenten ausgebaut.

Bereits in den ersten drei Tagen der Russland-Ukraine-Invasion sind die Aktien in diesem Segment rund 30 % gestiegen. Es ist zu hoffen, dass die alternativen Energien aus dieser Krise einen gewaltigen Schub bekommen.

Dies ist eine Marketingmitteilung der Raiffeisen Kapitalanlage GmbH, Mooslackengasse 12, 1190 Wien. Stand/Erstelldatum: März 2022.

Veranlagungen in Fonds sind mit höheren Risiken verbunden, bis hin zu Kapitalverlusten. Ein Investmentfonds unterliegt nicht der Einlagensicherung.

Die veröffentlichten Prospekte sowie die Kundeninformationsdokumente (Wesentliche Anlegerinformationen) der Fonds der Raiffeisen-Kapitalanlage GmbH stehen unter www.rcm.at unter der Rubrik „Kurse & Dokumente“ in deutscher Sprache (bei manchen Fonds die Kundeninformationsdokumente zusätzlich auch in englischer Sprache) zur Verfügung.

Der Raiffeisen-SmartEnergy-ESG-Aktien weist eine erhöhte Volatilität auf, d.h. die Anteilswerte sind auch innerhalb kurzer Zeiträume großen Schwankungen nach oben und nach unten ausgesetzt, wobei auch Kapitalverluste nicht ausgeschlossen werden können.

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